A Travellerspoint blog

Schlingensief und die anderen

41 °C

What a day, what a day..
Nach herrlichem Farniente am Haus in der bruetenden Hitze des Tages erwachten mit (zwar wenig, aber immerhin) sinkender Aussentemperatur und Sonneneinstrahlung gegen Abend die mueden Geister wieder zu neuem Leben.
Schon vorgestern war Irène als Repraesentatin der hiesigen Kunstszene im allgemeinen, und als wesentliche Vertreterin der hiesigen Tanzszene im Besonderen zu einer "conférence mit einem deutschen Kuenstler" (dessen namen sie nicht aussprechen konnte, als sie mir davon erzaehlen wollte :) im Goethe-Institut eingeladen gewesen. In Nachbearbeitung des treffens sollte nun eine weitere conférence im Sinne einer Abendveranstaltung mit Filmauffueherung etc. stattfinden. Gespannt liess ich mich gerne von ihr dahin mitnehmen und freute mich unspezifisch in den Abend hinein. Erst auf der Hinfahrt stellte sich dann heraus, dass es sich bei dem von ihr in wunderbarem Kauderwelsch falsch ausgesprochenen Kuenstler um Christoph Schlingensief handelte, der mit seinem Team derzeit in Burkina Faso ist, um hier sein "Festspielhaus Afrika"-Projekt vorzustellen.

Unpraetentiös und irgendwie voellig passend fand die Veranstaltung in einem alten und/oder etwas verschlissenen Hoersaal statt. Neben dem Kuenstler und seinem Team, der deutschen Botschafterin und den Vertretern des Goethe-Institutes waren vor allem lokale Kuenstler und viele Studenten gekommen. Trotz der Waerme im Saal war die Stimmung von anfang an angeregt und offen, und gespannt wartete man auf den Beginn des Abends. Das Ganze lief angenehm erdnah und chaotisch ab, und zunaechst wurde von der "Brecht-gruppe" (einer gruppe von Studenten der deutschen Sprache aus dem Goethe-Institut) eine schauspielerische Vorstellung ueber die Zerrissenheit eines Mannes zwischen seiner treuen Ehefrau, seiner raffgierigen Geliebten und seinem hartherzigen Chef dargeboten, liebevoll selbst geschrieben und arrangiert von einem der aelteren Schueler, und komplett in deutscher Sprache mit herzergreifendem franzoesisch-burkinabéschem Akzent gehalten.
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Nach der Pflichtansprache des Institutsdirektors hatte dann endlich der Kuenstler selbst das Wort, und Bild und Ausdruck und Irrlichter auf Film, und einen irgendwie panisch-ueberforderten aber doch tapferen Uebersetzer an seiner seite. Insgesamt ging es um einen Ueberblick ueber seine Arbeit, von ihren Anfaengen ueber grosse laute provokative Projekte und Platz und Bedeutung feiner Details in grossen Werken (wie z.B. die stille Taenzerin, die sich auf dem zeitgerafft verwesenden Hasen fast unmerklich materialisiert, bis sie schliesslich die Szene nahezu dominiert mit ihrem neuen Leben, das aus dem Vergehenden entstanden ist, bis sich alles in Licht aufloest), bis schliesslich zu seinem aktuellen Projekt des afrikanischen Opernhauses, dass ja den Anlass fuer den Besuch hier darstellt. Untermalt wurden die Ausfuehrungen Christoph Schlingensiefs immer wieder von Kostproben seiner Arbeit, kroenend in einem mehrminuetigen Ausschnitt aus der Oper "Eine Kirche der angst vor dem fremden in mir", ein bedrueckendes, ergreifendes, verstoerendes, anmutiges, friedbringendes, wuestes Werk, dass wohl nicht nur mich fasziniert und atemlos auf dem sitz zurueckliess.
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Wie kann man einen solchen Abend beschreiben..? Aufwuehlend, ergreifend, intensiv. Ja, sicherlich. Insbesondere die fast wuetende Warnung an die anwesenden, doch ja grossteils von Deutschland traeumenden Studenten, Deutschland nicht fuer "so toll" zu halten angesichts von heimlichen Abschiebungen und rassistischen Fehlentscheidungen bei den Wagner-Festspielen, und der Appell, Spuren zu hinterlassen, zu lernen und etwas zu bewegen, stiess im Publikum (ausser vielleicht bei der dann zunehmend verspannten deutschen Botschafterin :) auf grossen Anklang. Ein spannender, aussergewoehnlicher Mensch fand ich. Umso ueberraschender, dass er im persoenlichen Kontakt einfach so richtig *nett* ist. Es kommt mir fast profan vor das so zu schreiben, aber genau so ist es. Erdig-warm und offen war das ganze Team in den anschliessenden Gespraechen.
Das Schlingensief'sche Team wird von einer Fernsehcrew der ARD begleitet, die eine Dokumentation ueber die Sondierungsreise nach dem geeigneten Ort fuer das afrikanische Festspielhaus dreht. Nach Abschluss der Veranstaltung sollte dann noch ein kurzes Interview mit Irène gefuhert werden, wofuer ich als Uebersetzerin einspringen sollte. Unverhofft fand auch ich mich jedoch ploetzlich mit ebenso anregenden wie schwierigen Fragen der Journalistin konfrontiert, und hoerte mich im Wechsel mit Irène in die Kamera sprechen. Ein unverhofft spannender und interessanter Abend, zu dessen Abschluss wir Christoph und seine Freundin ins Hotel zurueckbrachten um dann anschliessend bei einem kuehlen Brakina in einer kleinen, windschiefen Kneipe am Strassenrand den Abend angemessen schraeg ausklingen zu lassen :)
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Posted by mefia 18:10 Archived in Burkina Faso Comments (0)

public health

43 °C

Es ist ein bisschen wie in der Jugendherberge hier.. :) Wie ueblich bei meiner tante sind immer ganz viele leute im haus, und im erdgeschoss befinden sich neben meinem noch weitere 3 zimmer, in denen neben meinem cousin tam-sir noch mein cousin "bébé", sowie die cousinen naima, madina und josie wohnen. Sie alle sind in etwa in meinem Alter, den ganzen tag stehen alle unsere tueren offen, und oft liegen wir abends zu mehreren in einem der zimmer auf dem bett und quatschen, toben, hoeren musik.
Vorgestern stand morgens wieder eine Tanzprobe im "Centre des Jeunes" auf dem Programm, und wieder gefielen mir die (zu diesem zeitpunkt im proberhythmus noch nicht immer ganz synchronen) Bewegungsablaeufe des équipes unheimlich gut. In meinem jugendlichen Leichtsinn und zur grossen Belustigung der richtigen Taenzer habe ich auch mal versucht ein bisschen mitzumachen - musste aber dann recht schnell feststellen, dass mein anfaenglicher Enthusiasmus angesichts einer Raumtemperatur jenseits der 40° C nun doch eher unangebracht war.. Uh, la chaleur.
Von der Probe aus hatte ich ein rendezvous mit dem schneider meiner tante vereinbart, und so fuhren wir mit dem chauffeur zum markt, um stoffe fuer neue kleider zu suchen. Gesucht, gefunden, und gefunden, und gefunden - konnte mich angesichts der wirklich traumhaften stoffe erst bremsen, als der schneider schon laengst nervoes mit den hufen scharrte und mich an meine doch nicht mehr *ganz* so ferne abreise erinnerte.
Der restliche Tag ging mit Familienbesuchen und spaeterem gemeinschaftlichen Lungern am und im haus recht schnell zu Ende.

Gestern hatte mein onkel fuer mich ueberraschend ein fruehes treffen mit einer befreundeten Gyn-Professorin vereinbart, und da Josie sie als ihre behandelnde aerztin kennt, wollte sie mich persoenlich zu ihr ins Hôpital central bringen. Also was vernuenftiges angezogen, und durch staub und hitze auf josie's klapperndem moto zum krankenhaus.. Zunaechst gestaltete sich die Suche nach Frau Prof. Thiéba aber schwieriger als erwartet, und die dienstbaren Geister des Krankenhauses in den diversen Tarnfarben ihrer jeweiligen Berufsgruppe schickten uns von Pontius zu Pilatus, um die Professorin zu finden. Schliesslich erfuhren wir von einem unwirschen aber muerrischen OP-Pfleger, dass sich die gesuchte Aerztin fuer unbestimmte Zeit im OP befinde, und er uns ans Herz lege, uns zu trollen. Um den Ausflug aber dennoch wenigstens lohnend zu machen, begaben wir uns zum trost auf einen ausgiebigen rundgang ueber das klinikumsgelaende.
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Der compound des krankenhauses ist sehr weitlaeufig, und es gibt neben den diversen fachgebieten und kliniken 2 kirchen und eine moschee, sowie ein krematorium und eine blutbank auf dem anwesen. Insgesamt befinden sich die gebaeude aber in einem doch eher fragwuerdigen zustand.
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Kaum waren wir nach unserem gut einstuendigen spaziergang in der mittagshitze schweissgebadet und erledigt wieder zuhause angekommen, rief Prof. Thiéba zurueck um mitzuteilen dass sie nun aus dem OP heraus und fuer die verabredung bereit sei. Also aller-retour in frischer klamotte, wieder auf das moto und schnell zurueck zum krankenhaus. dort erwischten wir die ueberraschend junge, hellwache und autoritaere Frau Professor gerade am ende ihrer consultations, ihrer Sprechstunde. Nach einer herzlichen Begruessung mit den besten Wuenschen an meinen onkel teilte sie uns mit dass sie sich auf dem Sprung befinde fuer ihre abreise nach Angola zu einem Kongress, und verwies uns an einen ihrer Kollegen, der uns bereitwillig das département der "materinté", der frauenklinik, zeigte. Die innere Struktur und Organisation insbesondere des OP- und Kreissaalbereichs aehneln der in der Unifrauenklinik in Accra. Im Vergleich zu ghana ist aber die Abteilung in einem zum teil atemberaubend katastrophalen Zustand, es mangelt wirklich an ALLEM und beim Durchlaufen der einzelnen Raeumlichkeiten schien es oft, als sei nicht mal ein Mindestmass an Hygiene zu gewaehrleisten unter den vorherrschenden Umstaenden. Feundlicherweise durfte ich mir als Ehrengast eine OP aussuchen, der ich beiwohnen wollte und entschied mich fuer eine gerade beginnende abdominale Hysterektomie.
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Das OP-Team bestand aus einem hiesigen und einem ghanaischen chirurgen, sowie einem weiteren Gastarzt aus Algerien. Insgesamt war man aufgeregt-erfreut ueber den unerwarteten Besuch und der Austausch war gleich freundlich und rege. Zum abschluss des insgesamt mehrstuendigen Rundgangs gab es eine Begehung der bettenstationen mit ihren zimmern verschiedener "kategorien", entsprechend der finanziellen mittel der patientin. insgesamt gibt es 4 zimmerkategorien, die hoechste ist ein 1- bis 2-bett-zimmer und kostet 4.000 francs CFA (umgerechnet ca. 6 €) pro Tag. Im gegensatz zu den public hospitals in Ghana wird hier das Essen zentral zubereitet und fuer die Patienten auf grossen Rollwagen direkt auf die Stationen gebracht. dort helfen schwestern und verwandte dann dabei, das essen fuer die patienten in deren mitgebrachte Schuesseln zu portionieren. Die versorgung mit medikamenten, infusionen und verbandmaterial ist allerdings genau so geregelt wie in ghana: der Arzt stellt ein rezept ueber die benoetigten medikamente aus, und die familie des angehoerigen besorgt diese in der hauseigenen apotheke. Falls ein patient keine familie hat oder die familie keine mittel... "Voilà..là, c'est compliqué..." sagt Dr. Maoudi kopfschuettelnd und setzt den rundgang fort. Obwohl ich public hospitals in tropischer Region gewoehnt bin und die oft improvisierten Umstaende kenne, war dieses Krankenhaus mit seiner ganz eigenen Realitaet doch nachhaltig beeindruckend muss ich sagen.
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Abends waren alle Jugendlichen des Hauses dann bei Tante Tiziana zum Essen eingeladen. Leichtsinnig hatte ich zugesagt und mich frohen Mutes fuer den abend vorbereitet, als klar wurde dass wir alle auf motos durch die stadt fahren wuerden.. Uargh. So ganz geheuer ist mir das ja nach wie vor nicht. Klar, fahrtwind, freiheit, jugend und so - aber selbst abends ist die luft noch so heiss und staubig, die strassen sind unuebersichtlich voll und dann ging es auch noch quer durch ein gesamtes quartier, in dem der strom (also auch die strassenbeleuchtung) ausgefallen war. Als wir nach einer halben stunde endlich bei tiziana ankamen, war ich bereits fix und fertig :) Die in ihrem ebenerdigen haus ueber den tag aufgestaute hitze und die durcheinander tobenden kinder, katzen, hunde, verwandten gaben mir dann gaenzlich den rest. So reichten lust und energie fuer den von Irène geplanten naechtlichen Absacker in einer bar in der naehe mit taenzernund musikern, die ich kennenlernen sollte, am ende einfach nicht mehr aus.

Posted by mefia 08:31 Archived in Burkina Faso Comments (0)

dance + music

loving the movement..

Posted by mefia 11:16 Archived in Burkina Faso Comments (0)

"Le gaucher d'Abidjan"

40 °C

Im Wesentlichen bestand der Sonntag aus Kinderscharen und sonstigem Familienbesuch, die sich bis in den Nachmittag hinein am und im Haus tummelten - und eben aus dem Verwalten, Fuettern und Bespassen derselben. Den ganzen Vormittag ueber wurde hinter dem haus gekocht und gestampft und viel geplaudert, um dann mittags das Zubereitete gemeinsam mit allen aus einer grossen Schuessel zu essen.
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Dazu wurde extra eine Art fester grobgeflochtener Gebetsteppich auf der Veranda ausgerollt, und die gesamte Bagage platzierte sich um die aufgetragenen Speisen. Meine zunaechst noch optimistischen Versuche, nach dem essen ein Weilchen in ruhe und frieden in der mittagssonne zu doesen scheiterten klaeglich an meiner bezaubernd suessen, aber dann doch auch einfach ungeheuer quasselfreudigen kleinen Cousine Zalissa. Nachdem sie sich nach laengerem Gestrampel und Gezappel auf der Liege neben mir dann doch lieber fuer MEINE Liege entschieden hatte, war es ihr dann trotz meines bereitwilligen Umzugs auf den ihr angedachten Platz doch schlicht und ergreifend zu lahm mit mir, so dass die den gesamten restlichen Mittag damit verbrachte saemtliche ihrer eigenen Bewegungen und Handlungen lautstark zu moderieren. Irgendwann habe ich ihr weichgekocht das Feld ueberlassen und mich zu den (tagsueber) erfreulich friedlichen und vor allem schweigsamen (!) Hunden in den schatten getrollt.
Abends durften die Maedels des Hauses dann mit Irènes grossem Benz zum Kino fahren und ich - als einzige der Rappelbande MIT fueherschein - durfte fahren. Speziell daran war, dass meine cousinen bis zum Kinoparkplatz nicht verstanden haben, dass ich das Strassennetz von Ouagadougou nicht wie sie seit meiner Kindheit kenne und die Fragen nach der richtung und dem Weg auch wirklich wirklich ernst meine. So waren sie dann an jeder Ecke und an jeder Ampel aufs neue ueberrascht und verwundert, wenn ich wissen wollte, wie und vor allem WOHIN es weitergeht. "Aber du HAST doch einen Fuehrerschein, oder nicht?!" - "Aehm, ja klar." - "Ja, aber wieso fragst du dann?"
..denn sie wissen nicht, was sie tun.

Das kino nennt sich ganz einfach "ciné burkina" und ist wirklich gut ausgestattet, bis hin zum popcorn und den obligatorischen platzanweisern mit taschenlampe und seltsamem Kostuem. Ich hatte mich einfach mal spontan mitschleifen lassen ohne die genauen Plaene der Maedels zu kennen und war so irgendwo halfway zwischen ueberrascht und entgeistert als klar wurde, welchen Film sie ausgewaehlt hatten: "Le gaucher d'Abidjan", eine zauberhafte Produktion ueber einen bäuerlichen *Deppen*, der sich auf den Weg macht in die grosse Stadt um dort seine erfolgreiche Schwester zu besuchen. Natuerlich faellt er unterwegs ueber alle zur Verfuegung stehenden Stoecke und Steine und verknallt sich dann vor Ort zu allem Uberfluss in die zauberhaft-klumpige massivst fettleibige beste Freundin seiner Schwester. Nachdem sie ihn ueber Wochen muehselig in den Gebrauch von Messer und Gabel und auch sonst in die High Society von Abidjan eingefuehrt hat, muss sie dann am Ende vor dem Traualtar feststellen, dass der Dorfbursche in seiner Heimat bereits verheiratet ist - natuerlich mit einer Kleinwuechsigen mit alberner Stimme, die ebenso spontan wie lauthals kreischend bei der Hochzeitszeremonie auftaucht. Ein Träumchen, dieser Film, aber das Kino ist bis auf den letzten Platz besetzt und die Menge ist hellauf begeistert. Und angesichts der ruehrenden aufgeregten Zwischenrufe und des immer wieder aufbrausenden Szenenapplaus kann man sich dem ganzen Spektakel dann doch irgendwie nicht so recht entziehen.. :)
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Jetzt ist es nacht, und die Hunde nerven mit ihrem Gejaule die letzten toten Geister aus dem Bett. Nachts ist es kaum weniger heiss als tagsueber, aber die Stimmung ist eine ganz andere, wenn das Haus so ruhig und leise wird.

Posted by mefia 16:18 Archived in Burkina Faso Comments (0)

Tag und Nacht im Wakatti

Die Tage sind ebenso voll wie sie heiss sind.
Gestern morgen fuhren wir im konvoi zu Irènes Tanzschule, die sich derzeit im Stadium des innenausbaus befindet. Insgesamt gibt es zwei grosse Tanzstudios und eine riesige, hohe Halle (in etwa die masse einer basketball-halle), die noch mit sitzreihen und einer buehne bestueckt und so spaeter als Salle de Spectacle dienen wird. Daneben gibt es eine Reihe von Bueroraeumen und ein Musikstudio mit Aufnahmekabine und allem, was das herz begehrt. In den Bueroraeumen sind bisher noch keine moebel, so dass hier in der zwischenzeit die riesigen, meist mehrteiligen kunstwerke platz finden, die Irène fuer die dekoration der Tanzstudios gekauft hat.
Mit all den taenzern, choreografen, musikern und freunden die gekommen sind, hatte das ganze bald etwas von einer vernissag oder einem vergleichbaren Sozialevent, und muendete anschliessend in einem Grillfest im Garten des "Wakatti". Und auf der weiten Flaeche unter den Baeumen dann: Viele kinder, angenehme musik einer gruppe Djembe- und Xylophon-Spieler, kuehles Bier, saemtliche verfuegbare Tanten, Cousins und Schwipp-Schwager, die Ouaga zu bieten hat. Und schliesslich auch Onkel Naaba, Irènes aeltester Bruder, der ein grosser Ehren- und Wuerdentraeger ist, und man muss vor ihm sogar knien oder einen Knicks machen und alles wird fuer ihn herbeigedienert :) Einfach toll, diese imposante Statur.
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Die Hitze des Nachmittags ist im Schatten der hohen Baeume gut zu ertragen, und es ist leicht, unter den festgaesten immer wieder anregende Gespraechspartner zu finden. Irgendwann ist dann endlich auch der Grill heissgelaufen, und es gibt koestliche Spiesse fuer alle. Ebenso fragwuerdig wwie gewoehnungsbeduerftig aber die "Beilagen": Da gibt es einen Topf mit gruenem Inhalt, bei dem es sich auf vorsichtiges Nachfragen um eingekochte "Feuilles", also Blaetter, handelt. Das Ganze hat einen beunruhigend strengen Geruch, und ist von breiig-schleimiger Konsistenz. Gleiches Blattwerk gibt es daneben nochmal in geduensteter Form, und es erinnert mich irgendwie stark an Mangold (den ich nicht ausstehen kann, Anm.d.Red.!). In einem anderen Topf befinden sich kleine feste Kloesse undefinierbaren Ursprungs, zusammen mit grossen gelblichen Bohnen, die die Basis fuer die oben genannten Knoedel am Topfboden bilden. Daneben ein grosser Bottich mit dunkelroter Suppe, in der undefinierbares Fleisch mit starkem Eigengeruch schwimmt. Danke, nein. Heute nicht.
Ich kann *gerade noch* den Deckel schliessen, da hat mir eine der dicken Tanten auch schon den Teller aus der Hand gerissen um mir die oben genannten Fragwuerdigkeiten aufzuschaufeln. An eine "Probierportion" ist selbstverstaendlich nicht mehr zu denken.
Das Blaetterpueree schmeckt wie es riecht und ist nicht zuletzt aufgrund seiner absolut verbotenen Konsistenz fuer mich voellig ungeniessbar. die kleinen Knoedel sind erstaunlich trocken, und zerfallen im Mund in ueberraschen geschmackfreie Hirse-artige Koernchen. Sie schmecken wie grobkoerniger Sand, und daran aendert auch der von der Tante sorgsam aufgetuermte Salzhaufen auf dem Tellerrand nichts.
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Unter den strengen Blicken der Tante, die grossbusig-herrschaftlich ueber die Toepfe wacht, zwinge ich mir mit angehaltenem Atem einen halben Teller (!!) der aufgetuermten Koestlichkeiten herunter. and, adding insult to injury: Zu jedem Bissen fallen der Tante gefuehlte 3-4 Tanten oder Onkel ein, deren ausgesuchte Lieblingsspeise all dies sei. Unmoeglich also, die ein oder andere Gabel unauffaellig zu entsorgen, bis Tam-Sir mich endlich rettet.
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Den restlichen Nachmittag ueber halte ich von den angebotenen Snacks sicherheitshalber etwas Abstand, tanze mit den Tanten, tobe mit den Kindern und mache Fotos mit Irènes toller neuer Kamera.
Irgendwann macht sich dann zunehmende Schlaffheit und Muedigkeit breit, und so ueberlassen wir die Hartgesottenen ihrem Schicksal und roehren in Jean-Bap'sUralt-Ente stilecht durch die Stadt nach Hause. Pennen, Chillen, Pause - und dann ist es ploetzlich dunkel und Zeit, sich fuer den Abend umzuziehen: "Nuit Salsa" im "Wakatti", und alle sind sie da. Selbst der ehrenwerte Naaba, selbst erklaerter Salsa-Fan, hat sein traditionelles Gewand gegen ein Weltliches getauscht und sitzt pudelwohl und hochzufrieden am Ehrentisch nahe der Buehne.
Was die Band nach umfassendstem Soundcheck spielt, ist erst auf den zweiten Blick als Salsa zu erkennen, und laesst sich wohl eher als gut gemeinter (und durchaus gut gelungener) Remix aus lokaler Highlife-Musik und der initial angedachten suedamerikanischen Variante beschreiben. Nichtsdestotrotz ein sehr gelungener Abend, der schliesslich im mitreissenden Auftritt der bereits erwaehnten kongolesischen Trommler-Formation seine Kroenung findet. (Wen's interessiert: aus dieser Gruppe haben die Jungs sich abgespalten, um ein eigenes sehr aehnliches aber kleineres Projekt zu starten: http://www.myspace.com/lestamboursdebrazza)
Die Trommler sind allesamt sehr nett und kommen aus Brazzaville. Sie wirbeln perfekt abgestimmt ueber die Buehne, und bald schon kann sich Niemand mehr auf den Stuehlen halten. Im finalen Teil der Show werde ich dann zu meiner grossen Begeisterung auf die Buehne gezogen, um mich einfach mal eine Runde zum Horst zu machen. Zum Glueck leuchten mir Schrittfolge und Bewegungsmuster der kongolesischen Stammestaenze, an denen ich teilnehmen soll, aber doch recht schnell ein und es macht sogar richtig Spass. Die Tanten kreischen, Naaba klatscht und als mir schliesslich eine der dicken grossen Trommeln umgeschnallt wird, ist es dann einfach auch schon egal :))
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Zur Abkuehlung gibt es "Flag" vom Fass, und schliesslich taucht auch endlich Tam-Sir auf, der drei pubertierende Freunde im Schlepptau hat und mir die lokale Clubszene zeigen will. Da die Kleinen alle auf Motos unterwegs sind und mir das nicht so ganz geheuer ist, fahre ich bei Saenger Bill und Hugues, einem franzoesischen Tontechniker, der Salias Spectacle betreut, im Auto mit.
Als erstes machen wir an einer einschlaegigen Ausgehmeile Halt, wo wir in ein wirklich *grauenhaftes* Lokal einkehren - eine Art Ballermann-esquer Indoor-Biergarten mit Tanzpodest in der Mitte, viel Neonlicht und ohrenbetaeubend lauter Musik. Die Musik ist so eine Art Uptempo-Coupé-Décalé und -mal abgesehen von der lautstaerke- eigentlich echt gut, aber das Publikum auf der Tanzflaeche besteht zu 98% aus ueberdrehten und tobewuetigen maennlichen Halbstarken, und nach einer halben Stunde wilden und wuesten Tobens reicht es dann doch. Wir brechen also auf ins "papagayo", einen wirklich ansprechenden Nachtclub (der name laesst es wirklich nicht erahnen) mit aktuellem franzoesischen hiphop, fuer den ich nur leider inzwischen zu muede bin.
Also Retour nach hause, und da dann endlich auch etwas Wind, endlich Luft, endlich Kuehle und das Versprechen von Regen vielleicht..
Der Regen kommt in der Nacht und prasselt schwer durch meine offenen fenster - aber da schlafe ich laengst.

Posted by mefia 06:38 Archived in Burkina Faso Comments (0)

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