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Tag und Nacht im Wakatti

Die Tage sind ebenso voll wie sie heiss sind.
Gestern morgen fuhren wir im konvoi zu Irènes Tanzschule, die sich derzeit im Stadium des innenausbaus befindet. Insgesamt gibt es zwei grosse Tanzstudios und eine riesige, hohe Halle (in etwa die masse einer basketball-halle), die noch mit sitzreihen und einer buehne bestueckt und so spaeter als Salle de Spectacle dienen wird. Daneben gibt es eine Reihe von Bueroraeumen und ein Musikstudio mit Aufnahmekabine und allem, was das herz begehrt. In den Bueroraeumen sind bisher noch keine moebel, so dass hier in der zwischenzeit die riesigen, meist mehrteiligen kunstwerke platz finden, die Irène fuer die dekoration der Tanzstudios gekauft hat.
Mit all den taenzern, choreografen, musikern und freunden die gekommen sind, hatte das ganze bald etwas von einer vernissag oder einem vergleichbaren Sozialevent, und muendete anschliessend in einem Grillfest im Garten des "Wakatti". Und auf der weiten Flaeche unter den Baeumen dann: Viele kinder, angenehme musik einer gruppe Djembe- und Xylophon-Spieler, kuehles Bier, saemtliche verfuegbare Tanten, Cousins und Schwipp-Schwager, die Ouaga zu bieten hat. Und schliesslich auch Onkel Naaba, Irènes aeltester Bruder, der ein grosser Ehren- und Wuerdentraeger ist, und man muss vor ihm sogar knien oder einen Knicks machen und alles wird fuer ihn herbeigedienert :) Einfach toll, diese imposante Statur.
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Die Hitze des Nachmittags ist im Schatten der hohen Baeume gut zu ertragen, und es ist leicht, unter den festgaesten immer wieder anregende Gespraechspartner zu finden. Irgendwann ist dann endlich auch der Grill heissgelaufen, und es gibt koestliche Spiesse fuer alle. Ebenso fragwuerdig wwie gewoehnungsbeduerftig aber die "Beilagen": Da gibt es einen Topf mit gruenem Inhalt, bei dem es sich auf vorsichtiges Nachfragen um eingekochte "Feuilles", also Blaetter, handelt. Das Ganze hat einen beunruhigend strengen Geruch, und ist von breiig-schleimiger Konsistenz. Gleiches Blattwerk gibt es daneben nochmal in geduensteter Form, und es erinnert mich irgendwie stark an Mangold (den ich nicht ausstehen kann, Anm.d.Red.!). In einem anderen Topf befinden sich kleine feste Kloesse undefinierbaren Ursprungs, zusammen mit grossen gelblichen Bohnen, die die Basis fuer die oben genannten Knoedel am Topfboden bilden. Daneben ein grosser Bottich mit dunkelroter Suppe, in der undefinierbares Fleisch mit starkem Eigengeruch schwimmt. Danke, nein. Heute nicht.
Ich kann *gerade noch* den Deckel schliessen, da hat mir eine der dicken Tanten auch schon den Teller aus der Hand gerissen um mir die oben genannten Fragwuerdigkeiten aufzuschaufeln. An eine "Probierportion" ist selbstverstaendlich nicht mehr zu denken.
Das Blaetterpueree schmeckt wie es riecht und ist nicht zuletzt aufgrund seiner absolut verbotenen Konsistenz fuer mich voellig ungeniessbar. die kleinen Knoedel sind erstaunlich trocken, und zerfallen im Mund in ueberraschen geschmackfreie Hirse-artige Koernchen. Sie schmecken wie grobkoerniger Sand, und daran aendert auch der von der Tante sorgsam aufgetuermte Salzhaufen auf dem Tellerrand nichts.
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Unter den strengen Blicken der Tante, die grossbusig-herrschaftlich ueber die Toepfe wacht, zwinge ich mir mit angehaltenem Atem einen halben Teller (!!) der aufgetuermten Koestlichkeiten herunter. and, adding insult to injury: Zu jedem Bissen fallen der Tante gefuehlte 3-4 Tanten oder Onkel ein, deren ausgesuchte Lieblingsspeise all dies sei. Unmoeglich also, die ein oder andere Gabel unauffaellig zu entsorgen, bis Tam-Sir mich endlich rettet.
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Den restlichen Nachmittag ueber halte ich von den angebotenen Snacks sicherheitshalber etwas Abstand, tanze mit den Tanten, tobe mit den Kindern und mache Fotos mit Irènes toller neuer Kamera.
Irgendwann macht sich dann zunehmende Schlaffheit und Muedigkeit breit, und so ueberlassen wir die Hartgesottenen ihrem Schicksal und roehren in Jean-Bap'sUralt-Ente stilecht durch die Stadt nach Hause. Pennen, Chillen, Pause - und dann ist es ploetzlich dunkel und Zeit, sich fuer den Abend umzuziehen: "Nuit Salsa" im "Wakatti", und alle sind sie da. Selbst der ehrenwerte Naaba, selbst erklaerter Salsa-Fan, hat sein traditionelles Gewand gegen ein Weltliches getauscht und sitzt pudelwohl und hochzufrieden am Ehrentisch nahe der Buehne.
Was die Band nach umfassendstem Soundcheck spielt, ist erst auf den zweiten Blick als Salsa zu erkennen, und laesst sich wohl eher als gut gemeinter (und durchaus gut gelungener) Remix aus lokaler Highlife-Musik und der initial angedachten suedamerikanischen Variante beschreiben. Nichtsdestotrotz ein sehr gelungener Abend, der schliesslich im mitreissenden Auftritt der bereits erwaehnten kongolesischen Trommler-Formation seine Kroenung findet. (Wen's interessiert: aus dieser Gruppe haben die Jungs sich abgespalten, um ein eigenes sehr aehnliches aber kleineres Projekt zu starten: http://www.myspace.com/lestamboursdebrazza)
Die Trommler sind allesamt sehr nett und kommen aus Brazzaville. Sie wirbeln perfekt abgestimmt ueber die Buehne, und bald schon kann sich Niemand mehr auf den Stuehlen halten. Im finalen Teil der Show werde ich dann zu meiner grossen Begeisterung auf die Buehne gezogen, um mich einfach mal eine Runde zum Horst zu machen. Zum Glueck leuchten mir Schrittfolge und Bewegungsmuster der kongolesischen Stammestaenze, an denen ich teilnehmen soll, aber doch recht schnell ein und es macht sogar richtig Spass. Die Tanten kreischen, Naaba klatscht und als mir schliesslich eine der dicken grossen Trommeln umgeschnallt wird, ist es dann einfach auch schon egal :))
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Zur Abkuehlung gibt es "Flag" vom Fass, und schliesslich taucht auch endlich Tam-Sir auf, der drei pubertierende Freunde im Schlepptau hat und mir die lokale Clubszene zeigen will. Da die Kleinen alle auf Motos unterwegs sind und mir das nicht so ganz geheuer ist, fahre ich bei Saenger Bill und Hugues, einem franzoesischen Tontechniker, der Salias Spectacle betreut, im Auto mit.
Als erstes machen wir an einer einschlaegigen Ausgehmeile Halt, wo wir in ein wirklich *grauenhaftes* Lokal einkehren - eine Art Ballermann-esquer Indoor-Biergarten mit Tanzpodest in der Mitte, viel Neonlicht und ohrenbetaeubend lauter Musik. Die Musik ist so eine Art Uptempo-Coupé-Décalé und -mal abgesehen von der lautstaerke- eigentlich echt gut, aber das Publikum auf der Tanzflaeche besteht zu 98% aus ueberdrehten und tobewuetigen maennlichen Halbstarken, und nach einer halben Stunde wilden und wuesten Tobens reicht es dann doch. Wir brechen also auf ins "papagayo", einen wirklich ansprechenden Nachtclub (der name laesst es wirklich nicht erahnen) mit aktuellem franzoesischen hiphop, fuer den ich nur leider inzwischen zu muede bin.
Also Retour nach hause, und da dann endlich auch etwas Wind, endlich Luft, endlich Kuehle und das Versprechen von Regen vielleicht..
Der Regen kommt in der Nacht und prasselt schwer durch meine offenen fenster - aber da schlafe ich laengst.

Posted by mefia 06:38 Archived in Burkina Faso

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