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Schlingensief und die anderen

41 °C

What a day, what a day..
Nach herrlichem Farniente am Haus in der bruetenden Hitze des Tages erwachten mit (zwar wenig, aber immerhin) sinkender Aussentemperatur und Sonneneinstrahlung gegen Abend die mueden Geister wieder zu neuem Leben.
Schon vorgestern war Irène als Repraesentatin der hiesigen Kunstszene im allgemeinen, und als wesentliche Vertreterin der hiesigen Tanzszene im Besonderen zu einer "conférence mit einem deutschen Kuenstler" (dessen namen sie nicht aussprechen konnte, als sie mir davon erzaehlen wollte :) im Goethe-Institut eingeladen gewesen. In Nachbearbeitung des treffens sollte nun eine weitere conférence im Sinne einer Abendveranstaltung mit Filmauffueherung etc. stattfinden. Gespannt liess ich mich gerne von ihr dahin mitnehmen und freute mich unspezifisch in den Abend hinein. Erst auf der Hinfahrt stellte sich dann heraus, dass es sich bei dem von ihr in wunderbarem Kauderwelsch falsch ausgesprochenen Kuenstler um Christoph Schlingensief handelte, der mit seinem Team derzeit in Burkina Faso ist, um hier sein "Festspielhaus Afrika"-Projekt vorzustellen.

Unpraetentiös und irgendwie voellig passend fand die Veranstaltung in einem alten und/oder etwas verschlissenen Hoersaal statt. Neben dem Kuenstler und seinem Team, der deutschen Botschafterin und den Vertretern des Goethe-Institutes waren vor allem lokale Kuenstler und viele Studenten gekommen. Trotz der Waerme im Saal war die Stimmung von anfang an angeregt und offen, und gespannt wartete man auf den Beginn des Abends. Das Ganze lief angenehm erdnah und chaotisch ab, und zunaechst wurde von der "Brecht-gruppe" (einer gruppe von Studenten der deutschen Sprache aus dem Goethe-Institut) eine schauspielerische Vorstellung ueber die Zerrissenheit eines Mannes zwischen seiner treuen Ehefrau, seiner raffgierigen Geliebten und seinem hartherzigen Chef dargeboten, liebevoll selbst geschrieben und arrangiert von einem der aelteren Schueler, und komplett in deutscher Sprache mit herzergreifendem franzoesisch-burkinabéschem Akzent gehalten.
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Nach der Pflichtansprache des Institutsdirektors hatte dann endlich der Kuenstler selbst das Wort, und Bild und Ausdruck und Irrlichter auf Film, und einen irgendwie panisch-ueberforderten aber doch tapferen Uebersetzer an seiner seite. Insgesamt ging es um einen Ueberblick ueber seine Arbeit, von ihren Anfaengen ueber grosse laute provokative Projekte und Platz und Bedeutung feiner Details in grossen Werken (wie z.B. die stille Taenzerin, die sich auf dem zeitgerafft verwesenden Hasen fast unmerklich materialisiert, bis sie schliesslich die Szene nahezu dominiert mit ihrem neuen Leben, das aus dem Vergehenden entstanden ist, bis sich alles in Licht aufloest), bis schliesslich zu seinem aktuellen Projekt des afrikanischen Opernhauses, dass ja den Anlass fuer den Besuch hier darstellt. Untermalt wurden die Ausfuehrungen Christoph Schlingensiefs immer wieder von Kostproben seiner Arbeit, kroenend in einem mehrminuetigen Ausschnitt aus der Oper "Eine Kirche der angst vor dem fremden in mir", ein bedrueckendes, ergreifendes, verstoerendes, anmutiges, friedbringendes, wuestes Werk, dass wohl nicht nur mich fasziniert und atemlos auf dem sitz zurueckliess.
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Wie kann man einen solchen Abend beschreiben..? Aufwuehlend, ergreifend, intensiv. Ja, sicherlich. Insbesondere die fast wuetende Warnung an die anwesenden, doch ja grossteils von Deutschland traeumenden Studenten, Deutschland nicht fuer "so toll" zu halten angesichts von heimlichen Abschiebungen und rassistischen Fehlentscheidungen bei den Wagner-Festspielen, und der Appell, Spuren zu hinterlassen, zu lernen und etwas zu bewegen, stiess im Publikum (ausser vielleicht bei der dann zunehmend verspannten deutschen Botschafterin :) auf grossen Anklang. Ein spannender, aussergewoehnlicher Mensch fand ich. Umso ueberraschender, dass er im persoenlichen Kontakt einfach so richtig *nett* ist. Es kommt mir fast profan vor das so zu schreiben, aber genau so ist es. Erdig-warm und offen war das ganze Team in den anschliessenden Gespraechen.
Das Schlingensief'sche Team wird von einer Fernsehcrew der ARD begleitet, die eine Dokumentation ueber die Sondierungsreise nach dem geeigneten Ort fuer das afrikanische Festspielhaus dreht. Nach Abschluss der Veranstaltung sollte dann noch ein kurzes Interview mit Irène gefuhert werden, wofuer ich als Uebersetzerin einspringen sollte. Unverhofft fand auch ich mich jedoch ploetzlich mit ebenso anregenden wie schwierigen Fragen der Journalistin konfrontiert, und hoerte mich im Wechsel mit Irène in die Kamera sprechen. Ein unverhofft spannender und interessanter Abend, zu dessen Abschluss wir Christoph und seine Freundin ins Hotel zurueckbrachten um dann anschliessend bei einem kuehlen Brakina in einer kleinen, windschiefen Kneipe am Strassenrand den Abend angemessen schraeg ausklingen zu lassen :)
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Posted by mefia 18:10 Archived in Burkina Faso

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